Qualzucht beginnt in Graz
In Graz? O.K., Zufall. Es könnte hier jeder Ort stehen an dem eine Hundeausstellung durchgeführt wird, deren eigentlicher Sinn ihr Selbstzweck ist. Und Graz ist eben die (zeitlich) nächste von heute, und ihr Motto “Ausstellen bei Freunden” ist ja schon recht mehrschichtig.
Also: Wieso behaupte ich so etwas schon wieder? Meine nun schon ältere Behauptung, dass Ausstellungen schlecht für die Entwicklung der Hunde(rassen) sind ist unwiderlegt, ja es wird ihr nicht einmal mehr widersprochen. Schuld daran sind Richter und Züchter zu gleichen Teilen: Die Züchter weil sie Siegerhunde zur Zucht nehmen und gewinnen wollen und die Richter, weil sie Hunde zu Siegerhunden machen.
Margot hat in ihrem Blog sehr einfach (Eines Tages fiel ein Model tot vom Laufsteg) dargelegt, wie sich die Gewöhnung an das Extreme abspielt. Immer grösser, immer schneller, immer blauer, immer extremer… Aber wie soll denn eine Show funktionieren, wenn sie nur Wiederholungen bietet und sich nicht steigert? Sie wird abgesetzt, und genau das passiert gerade. Also muss der Veranstalter Anreize schaffen um attraktiv zu bleiben. Das sind alles bekannte Mechanismen, haben aber nichts mit Hundezucht zu tun.
Nun ist es einfach nicht jedermanns Sache sich alleine gegen den Trend zu stellen – Richter meinen es ja oft gut und glauben manchmal wirklich, was sie so für Urteile abgeben. Aber sie beurteilen eben den Moment. Die Summe der Momente führt dann zu Übergrössen, Kurznasen, Trabwerk statt Gangwerk und so weiter … Und die Aussteller? Wer kann es denn einem Aussteller verübeln, dass er gewinnen will? Das ist ein Hobby wie jedes andere auch: Sinnlos aber eben für manche sehr unterhaltsam.
Aber da wäre ja noch die Möglichkeit grundsätzlich diese Automatismen zu durchbrechen. Die Verantwortung haben die Verbände und Vereine. Und da sieht es seit Jahren wie gewohnt aus: düster.
Der ÖKWZR beschäftigt sich wieder einmal mit sich selbst und lässt eine Chance nach der anderen aus, aktiv in das System einzugreifen. Noch schlimmer aber der ÖKV, der sogar aktiv von einem “kynologischem Verband” zu einem Ausstellungsverein wird. Das aktuelle “Unsere Hunde” ziegt es auf. Das “Thema” des Heftes sind Ausstellungen und so kann man von vorne bis hinten nachlesen wie “es” gemacht wird.
Wir finden also ein paar interessante Statements im “offiziellen Organ”. Zum Beispiel schreibt Maria-Luise Doppelreiter in “Vom Welpen zum Champion” (UH 1/2010 S8 ff.) gleich im Untertitel:
Champions werden geboren
Falsch! Der halbwegs erfahrene Aussteller weiss, das Champions gemacht und oft auch (“Ausstellen bei Freunden”) getauscht werden. Ich hab mir auch eine Multichampioness gemacht! Hat nur sehr wenig mit der Qualität des Hundes zu tun. Der Artikel kann sich nicht wirklich entscheiden für wen er gedacht ist, aber das ist ein anderes Thema.
Wirklich entlarvend schreibt Frau Margit Brenner in “Jüngstenklasse aus der Sicht des Richters” ( S.11):
Nun ist es für Gruppenrichter und Allroundrichter, ohne die Ausstellungen so wie wir sie heute kennen nicht durchführbar wären, einfach nicht möglich, dass sie jede Rasse die sie richten in jedem Alter so kennen wie Halter und Züchter das tun.
Frau Brenner versucht hier dem Aussteller zu erklären, dass er bitte Nachsicht haben soll mit dem armen Richter, der sich nicht wirklich auskennt? Für € 30,- bekommt der Aussteller ein “vielleicht”? Nein danke! Aber die Lösung steht ja gleich dabei: “... Ausstellungen so…nicht durchführbar …“. Na dann bitte führt sie doch so nicht durch, wenn es eh nicht geht!
Gert Dobrovolny schreibt in “Welche Bedeutung haben Ausstellungen für Jagdhunde” (S. 80), dass Ausstellungen als “Wesenstest” zu betrachten wären, aber dass mache Jagdhundevereine bedenken hätten, dass ihre Rasse von Allroundrichtern nicht korrekt beurteilt würde. Bedenken, die im oben erwähnten Artikel von Frau Brenner ja durchaus bestätigt werden. Ausserdem wage ich zu bezweifeln, dass ein Hund, der sich zb. bei der jährlichen Drängerei in Tulln nicht von seiner Schokoladenseite zeigt ein Charakterproblem hat.
Was ich nicht gefunden habe in dem Themenheft ist ein Beleg dafür, dass Ausstellungen gut für die Hunde sind. Gut für manche Besitzer, ja, sicher gut für den Verband – aber für die Rassen? Die Rassen brauchen rassetypische Leistungsnachweise und eine ordentliche Zuchtzulassungsüberprüfung – aber sicher keine Hundeshows.
Statt die gute Zucht zu fördern schaden die Ausstellungen in Wahrheit, die Folge sind eben auch qualzuchtrelevante Dinge.
Qualzucht beginnt im Ausstellungsring!
Harry Martin

HI
Ich widerspreche!
Es gäbe keine solche Rassenvielfalt, hätte es keine Vergleiche, Wettbewerbe und heute als Ausstellungen bezeichnet, gegeben!
Für die Rassenentwicklung waren sie also wirklich erforderlich! Wieweit sie heute noch dazu dienen, möchte ich hier nicht diskutieren.
Mir gefällt, dass Du es auch Show, was es auch ist, nennst!
Natürlich wird der Moment betrachtet, genauso ist es aber doch auch bei der Leistung!
Etliche Richter haben sehr wohl auch das Wissen, das Können etc die Rassen richtig und wertvoll für eine Zucht zu bewerten! Schwer zu finden, aber es gibt sie!!!!!
Wer kann schon beurteilen ob und was gut für den Hund ist, ich kenne aber genügend Hunde, die sich irrsinnig freuen wenn es auf zur Ausstellung geht!
Natürlich halte ich Zuchtzulassungstests wesentlich besser als Ausstellungen für die Zuchtbasis, wenn es aber so kümmerlich wie vom ÖKWZr gemacht wird, dann erheben sich viele Fragen…..
Über die Show freut sich aber der zukünftige Rassehundbesitzer, der etliche Alternativen hat und eine Entscheidung sucht!- Das Publikum!
lG Kurt
mit deinem widerspruch hatte ich gerechnet, nur ich sehe ihn eigentlich nicht.
ich schreibe nicht “qualzucht BEGANN in graz” sondern “beginnt”. die historische bedeutung der ausstellungen behandle ich in meinem text nicht – mir geht es darum, was heute aus den zuchtschauen geworden ist: shows!
ich bin nicht gegen shows! ich bin für das zurechtrücken: shows sind wettbewerbe wo es um’s gewinnen geht! das hat aber nichts (mehr) mit einer zuchtbewertung zu tun.
es geht mir auch gar nicht darum die qualität der richter zu beurteilen! es können sogar die selben personen show- und zuchtrichter sein – nur nicht gleichzeitig.
leitungsfähigkeit als zuchtvoraussetzung heisst nicht siegerhunde verpaaren. es bedeutet, dass das erbringen von (sport)leistungen neben den anderen wichtigen voraussetzungen wie wesen, gesundheit etc. gleichrangig behandelt werden muss – jetzt braucht ein windhund keinen leistungsnachweis um in die zucht zu kommen – das ist falsch!
harry