Nationalismus bei Windhunden?

Nationalismus und Patriotismus (und ich denke man muss und soll diese Dinge zusammen betrachten) tauchen permanent in der Hundesportwelt auf. Nationen (und also Nationalismus) sind eine junge Sache. Die Napoleonkriege waren ja noch keine Kriege Franzosen gegen Deutsche, sondern das Abschlachten von Menschen die  links in Europa (auf der Karte) unter absoluter Knechtschaft stehen gegen genauso geknechtete weiter rechts auf der Karte.
Die Nationen wie wir sie in Europa kennen sind maximal 200 Jahre, oft erst 20 Jahre alt. Also woher kommt der Stolz?

Ich zitiere hier aus Netz gegen Nazis weil ich denke, dass die Definition sehr gut ist:
“Nationalismus und Patriotismus sind Formen, in denen sich Menschen und Gesellschaften über ihr Zusammenleben verständigen. Sie zeigen zugleich ein Bedürfnis an, die faktisch bestehende Beziehung zwischen unterschiedlichen Menschen in Stadt, Land und Staat als Momente der Zugehörigkeit und Verbundenheit identifizierbar und damit auch von anderen Gruppen und Gesellschaften unterscheidbar zu machen. Wer sich national oder patriotisch definiert, gehört zu einer angebbaren Gruppe von Menschen, macht damit aber auch deutlich, dass er nur zu dieser und keiner anderen Gemeinschaft gehören will. Nationalismus und Patriotismus haben also ein Innen und sie haben ein Außen. Nach innen können sie integrieren, Solidarität erzeugen und Verbundenheit symbolisieren. “
Das ist jetzt mal wertfrei zu sehen. Oder darf auch positiv bewertet werden, denn Solidarität und Verbundenheit sind ja Werte, die niemanden gefährden sollten. Weiter heisst es:
“Nach außen hin grenzen sie ab, definieren den Anderen als nicht dazugehörig. “
Probleme tauchen dann auf, wenn die “nicht zugehörigen” gewertet werden. Also entweder die Anderen als “schlechter” oder die Eigenen als “besser” empfunden werden.

Was hat das jetzt alles mit (Hunde)Sport zu tun?

(Team)Sport ist die erste, klassische Ausdrucksform von Gemeinschaft, besonders wenn es um Fangruppen geht. Gerade der Fussball als Kerndisziplin des Nationalgefühles (in Deutschland besonders) zeigt aber wie absurd es ist: jede halbwegs erfolgreiche Mannschaft ist ein Sammelsurium an Nationen, Hautfarben und Sprachen. Weder die Herkunft der Spieler noch die regionale Ausübung des Sportes (was ist denn bitte ein Heimspiel eines Brasilianers im Ruhrgebiet? Ein symbolischer Grenzkampf?) sind irgendwie Regional festzumachen. Die “National”manschaften sind Mischungen aus Menschen unterschiedlichster Herkunft die oft erst in 2ter Generation unter der Fahne zu Hause sind, hinter der sie ins Stadion laufen.
Und das ist auch gut so. Erst die Durchmischung von Kulturen, und damit Lebensweisen und Ideen, bringt uns zu dem, was wir als moderne Gesellschaft kennen (Döner, Pizza, Schnitzel vom Libanesen bitte und viatnamesisch-deutsche Minister von der FDP).
Was übrig bleibt, ist der oft gerne als “dumpf” bezeichnete Nationalismus. Menschen, die einen Mehrwert darin sehen eine bestimmte Farbe vom Schicksal zugeteilt bekommen zu haben. Und da komme ich zu dem Punkt, warum das ganze hier steht bei den Windhunden: dieser dumpfe Nationalismus taucht beim Hundepsort auf, auch bei unseren Windhunden: die (falsche) Struktur der FCI teilt die Rassen den Nationen zu – die ja zum Teil viel jünger sind als die Entwicklungsgeschichte der Rassen. Das führt dann dazu, dass die nationalen Strukturen sich bemühen “nationale” Rassen zu “haben” (weil ja die anderen auch welche haben).
Wuff ist sehr österreichisch
Im Windhundebreich völlig ungeklärt die “Ostwindhunderassen” die dort, wo sie feudal waren geschätzt wurden (Barsoi), dort wo sie national bedürftig waren akzeptiert wurden (Chart Polski) und dort, wo die Hundelobby nicht existiert oder einfach die Ziele andere sind negiert werden (Taigan, Tazi). Das System hinkt der modernen Kommunikationsgesllschaft hinterher. Und was machen wir dagegen? Nichts, im Gegenteil: dumpfe nationalistische Dinge wie das Verbannen der “ausländischen” Züchter von der ÖKWZR-Homepage bestärkt dann vielleicht noch jene, die voller Stolz hinter der rot-weiss-roten Fahne her rennen. Vom sportlich beeindruckenden Coursing-Event in Marienbad ’09 bleibt eine Auflistung von “Siegern” über im  Wuff 11/09, wo suggeriert wird, dass die Sieger aus unserem “kleinen Land” auch hier gezüchtet wurden. Wo aufgelistet wird, wie viele “andere” besiegt worden sind.
Wahrscheinlich sind die Azawakhs eine typisch österreichische Rasse! Oder auch die Afghanen (was ja auch der Name schon vermuten lässt). Gerade für uns Windhundeleute ist doch klar, dass die nationalen Grenzen nicht ausreichen! Im Pedigree von meiner (österreichischen) Viola sind auf 3 Generationen 5 nationale Zuchtbücher zu finden. Wie österreichisch ist das? Jemand hat gemeint, der Erfolg vom Galgo-Rüden bei der Coursing-EM ist ja eigentlich ein österreichischer, weil der Hund in Österreich gezüchtet wurde. Nationales Vereinnahmen kann wirklich peinlich sein.
Die aus Österreich stammenden Windhunde sind in einer Nischensportart gerade erfolgreich – hoffen wir, dass die Zucht irgendwann nachkommt – doch in der Anerkennung von Zuchterfolgen schaut es anders aus. Beispiel Irish Wolfhound: Österreichs IWH’s sind sportlich z.zt. das Mass aller Dinge – aber frag mal im Ausland, ob jemand überhaupt einen Zwingernamen kennt! Österreicher sind gerne Weltmeister in Österreich! Das hat aber nichts mit Qualtät in Zucht und Sport zu tun.
Wir alle, egal wo wir zu Hause sind, tun gut daran über den Tellerrand zu schauen und zu lernen. Aber was bei uns passiert sind kleinliche Abgrenzungen in Zucht(ordnung) und Sport(ordnung). Ein falsches Qualitätsbewusstsein wird vorgeschoben um eigene, ganz kleine Interessen zu schützen. Das mag üblich sein – es ist aber auch kleingeistig.

Harry Martin

PS: Wirklich begeistert war ich ja vom fehlenden österreichischen Nationalismus bei der Siegerehrung der EM am Samstag: auf meinen Hinweis, dass die Ösis ja nicht mal eine Fahne haben während die anderen in Farben und Auftreten ganz klar definiert waren hat Österreich sich seine Fahne aus der Deko “besorgt” – und war somit geeint. Was für ein symbolischer Akt, wie wahr: wir haben uns das Nationalgefühl geklaut!

2 Kommentare zu “Nationalismus bei Windhunden?”

  1. margot 20 Januar 2010 at 14:34 #

    dazu passt: http://www.youtube.com/watch?v=KNq5bHco2Z4

  2. harry 25 Juli 2010 at 11:10 #

    Update eine Coursing-Europameisterschaft (2010) später:

    Österreich tritt geeint auf: im selben roten T-Shirt wie Tschechien, Ungarn, Polen, Norwegen, … :-)

    Peinlich: ein “Team”gedanke der gerade mal 2-3 Tage im Jahr dauert, und sonst wird gegeneinander agiert. Ich will nicht zu einem Team gehören, dass aufgrund des Zufalls der Regionalität entsteht: mein Team besteht aus Menschen mit gleichen Ideen und Werten und – vor allem – aus gegenseitigem Respekt.

    Die Hunde haben eine gemeinsame Sprache, die Menschen haben keine …


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