Freiherr B. Laska – Deerhounds bei der Jagd, 1898 – Teil 3/4
Deerhounds bei der Jagd.
Von Fr. B. Laska, k. u. k. Hauptmann.
(Fortsetzung).
Meine nächste Etappe, die ich auch bereits erreicht habe, war, den Deerhound zu lehren, dass er seine ausgezeichnete Nase auch wirklich gebrauchen lerne.
Hierzu waren ihm die dichten Bergwälder der Karpathen und Steiermarks wohl eine Schule, wie sich keine zweite finden lässt – die Thatsachen bewiesen dies.
Das vorläufige Endziel, das ich mir in der jagdlichen Führung des Deerhounds gesteckt, habe ich schon beinahe erreicht.
Ich will dem Herrenjäger, dem es nicht nur um das heute sicherlich nicht mehr allzuschwierige Anbringen tödtlicher Schüsse zu thun ist, sondern der seine Jagdfreuden auch noch durch die Arbeit edler, formenschöner Hunde erhöhen und verherrlichen will – diesem Waidmann nach meinem Herzen will ich im Deerhound einen Hund schaffen, der ihn befriedigen soll.
Der schottische Hirschhund, wie ich ihn mir im Verlaufe einiger Jahre für österreichische Jagdverhältnisse geschaffen habe, soll mir in gewisser Beziehung den Schweisshund, manchmal auch den Apporteur und dann auch die Bracke ersetzen, er soll alle Eigenschaften dieser Hunde, gekrönt von jener der Schnelligkeit, in sich vereinen.
Der Deerhound begleitet mich am Riemen lautlos zur Pürsch, – gleichgültig, welchem Wilde sie gedacht ist.
Das können meine Hunde.
Ist mir Diana gut gesinnt, hat sie mir jagdbares Wild gezeigt und mich zum Schusse kommen lassen, dann beginnt die Arbeit des hounds. Habe ich das ehrliche Bewusstsein, nicht verrissen zu haben, so schnalle ich nun unbedingt und hetze an, auch wenn das Wild im Feuer stürzt (wenn Schalenwild = jagdbares Wild mit Hufen auf der Anschussstelle zusammenbricht), denn auch das soll eine Schulung sein.
Wie verhältnismässig selten kommt dies aber vor, gewöhnlich flüchtet selbst gut getroffenes Wild (ich denke natürlich hier nur an den gerechten Kugelsschuss), noch weiter, um dann krank zu werden und sich niederzuthun.
Hätte ich einen anderen, als den Deerhound bei mir gehabt, so müssten jetzt nach den Regeln der Kunst mindestens zwei Stunden vergehen, bevor ich zur Nachsuche auf der Schweissfährte schreiten darf.
Wer kann aber stets diese langen Stunden leicht zu diesem Zwecke opfern?
Der Berufsjäger gewiss öfter, als selbst der leidenschaftlichste und gerechteste Jagdfreund, welch letzterer gar häufig aus Zeitmangel auf den schönsten Augenblick – das Finden des erlegten Wildes, – verzichten und die Nachsuche seinem Jäger überlassen muss.
In diesem Falle – es ist nichts, als das in’s Oesterreichische übertragene stalking der Schotten, – leistet der Hirschhund herrliche Dienste, in wenigen Sprüngen holt er das angeschweisste Stück ein und zieht es nieder – der Jäger hat sich viele Stunden der Nachsuche erspart und ist im sicheren Besitze des erlegten Wildes. *)
Das können meine Hunde auch.
Wird aber aus dem stalking ein hunting, d.h. hat der Jäger vorbeigeschossen und hetzt trotzdem an, – nun, so ist ihm eben das geschehen, was er sich verdient hat, die Jagd geht in die blaue Ferne, wie sie es mit Schweisshunden oder gar Bracken ebenfalls gegangen wäre.
Und das können meine Hunde leider auch!
Doch nicht allein zur Pürsch, auch zum Standtreiben im Walde und Hochgebirge eignet sich mein Liebling als treuer Arbeiter und ich weiss mir ausser beim gerechten Pürschgange wohl keine schönere, herzerfreuendere Verwendung für ihn.
Wir sind im winterlichen, schneebedeckten Bergwalde angestellt worden.
Vorsichtig den Ausschuss prüfend, haben wir uns an einer mächtigen Buche eingerichtet, der treue Hund, oder, was besser ist, die Koppel edler Deerhounds sitzt regungslos – wohlerzogen daneben und späht gleich uns hinaus in den laublosen, schütteren Winterwald – weit, weit entfernt hört man undeutlich schon Treiberlärm.
____________________________________________________________________________________________________
*) Ich brauche es gewiss nicht besonders zu erläutern, welchen unschätzbaren Vortheil dies hat, wenn man in nächster Nähe der Reviergrenzen jagt!
An den Flügeln, dort, wo gerne die Randhasen hinausfahren, hat es schon lustig geknallt – nur bei uns, im Herzen des Waldes, ist noch ernste, spannungsvolle Stille – nichts rührt sich.
Da – zum Teufel, ist denn hier ein Mensch verborgen? – ein tiefer, zitternder Seufzer dicht neben uns bebt leise durch die Luft. – Narrenspossen – die Deerhounds sind’s, und keine verwunschenen Wildererseelen!
Bebend vor hochgradiger Aufregung sitzen die Edlen neben einander auf den Keulen, ein Zittern, wie heisse Fieberschauer, fliegt durch die stahlsehnigen, hartbemuskelten Körper, die kleinen, schwarzen Augen flackern in lohenden Feuerblitzen, bald stahlgrün, bald wieder wie verglühende Kohlen und begehrlich lecken die blutigrothen Zungen die feuchten Nasen und borstigen Lippen. Und wieder so ein tiefer, sehnsüchtiger Seufzer.
Die Ruthen beginnen leise wedelnd zu zucken.
Verwundert folgen wir den lodernden Flammenblicken unserer guten Hunde – da huscht es auch schon weit vor uns dunkel über den weissen Schnee, jetzt noch einmal und – da kommt er vergnügt herangetrabt, der edle Schuft und Galgenvogel Reineke!
Ahnungslos, ein höhnisches Grinsen auf den halbgeöffneten Lippen, schnürt (Fortbewegen des Fuchses, des Wolfes und des Luchses, wenn sie ihre Pranten = Pfoten so hintereinander setzen, dass ihre Abdrücke eine gerade Linie bilden) er im gemächlichen Trabe daher, manchmal bleibt er stehen und äugt nach rückwärts, von wo die Treiber jetzt näher kommen.
Ein Glück, dass sich jetzt die dicke Buche zwischen uns schiebt und der Rothe ganz in sich versunken scheint, denn unsere Hunde seufzen zum Erbarmen – wie Backfische nach der Frühjahrs-Parade – und -
Nun hole aber der Teufel die Enthaltsamkeit – der Fuchs ist unweit von uns über den Weg geschnürt – wir mussten ihn passiren lassen, denn nie hetze man >>in die Zähne<< an – jetzt aber gleitet leise, dass selbst die bebenden Hunde den Beginn ihrer Freiheit noch nicht ahnen, die Schnur durch die Halsungsringe und >>Kill!<< tönt unser Schrei!
Wir haben nicht geschossen, es war auch nicht nöthig.
Wie zwei Pfeile von längst gespanntem Bogen, so sind die hounds von unserer Seite in rasendem Satze und mit offenem Fange in die Luft geflogen, aber auch Reineke hat sich als Springer nicht spotten lassen, doch sein Schicksal ist besiegelt.
Nach hundert Schritten haben sie ihn.
Schneewolken, frostklirrende Aeste, drei Thierkörper in herrlichen Kampfesstellungen – bald sind’s nur mehr zwei, und nicht lange nachher bringen die hounds den gewürgten Freibeuter, vor jedem hindernden Baume stehen bleibend und an ihm zerrend, herbeigetragen, um sich hechelnd mit offenem Fange neben uns auf den Schnee zu werfen.
Welch’ hohes Jägervergnügen es ferner auch ist, auf niedrigen Schlitten an frostigen Wintertagen den >>mausenden<< Fuchs mit Deerhounds >>anzufahren<<, oder ihm zu Fusse den Weg zum Walde abzuschneiden und dann die Hunde anzuhetzen, erzähle ich vielleicht ein ander Mal.
Hier will ich nur noch erwähnen, dass auf den grossen Kreisjagden um Wien ein Deerhound im Besitze des Universitäts-Professors Dr. Ch. als schneidiger Apporteur prächtige Dienste leistet und jeden Hasen, selbst auf die weitesten Entfernungen, tadellos bringt.
Wie ich den Deerhound bei Pürschen und Waldtreiben verwende, habe ich soeben erläutert, es erübrigt mir nur noch, seiner Eignung als Bracke und Schweisshund zugleich Erwähnung zu thun.
Bei uns in Oesterreich-Ungarn sind wir Jägersleute noch an gar vielen, vielen Orten in der glücklichen Lage, unser edelstes Wild, den Hirsch, nach Väterweise mit Bracken lustig bejagen zu können. – Was dies bedeutet, kann nur Jener ermessen, welcher derlei herrliche urwüchsige Jagden in unseren Alpen oder den grünen, einsamen Karpathenthälern miterlebt hat – miterleben durfte.
Ich habe schon vorhin mir darauf hinzudeuten gestattet, dass sich die Begriffe der Bezeichnungen hunting und stalking, so fremd und >>wild<< sie auch dem deutschen Jägerohre klingen mögen, recht leicht in landläufige und dabei gerechte österreichische oder deutsche Jagdarten oder – Vorkommnisse (hunting) umsetzen lassen und dann ganz harmlos aussehen.
Auch bei der Verwendung des Deerhounds als Bracke haben wir Gelegenheit, eine spezifisch schottische und auch so bezeichnete, oft wiederkehrende Phase der Hirschjagd mit schnellen Hunden, ohne am Sinne etwas zu ändern, in unser ehrliches Jäger-Deutsch übertragen zu können.
Wird ein Hirsch, besonders im Berglande oder Hochgebirge, von scharfen, schneidigen Hunden gejagt, so dauert es gar nicht lange und er geht, – jetzt kommt der fürchterliche schottische Ausdruck, – er >>geht at bay<<.
Wenn wir dafür sagen: >>Er geht in’s Wasser<<, so bedeutet dies dasselbe und klingt nicht fremd. Für die Hirschjagd mit Hunden, selbst durch den dichtesten Wald, eignen sich meine geschulten Deerhounds, die es gelernt haben, ihre feinen Nasen gut zu gebrauchen, vorzüglich. – Sie sind aus Naturanlagen Meister im bail halten und wenn der gejagte Hirsch nach kurzer, schneller Jagd zu Thale flüchtet, um sich an ihm wohlbekannten Orten im Bette des wilden Gebirgsbaches zwischen Klippen und Schnellen gegen jeden Angriff möglichst gesichert einzustellen, so erlebt der Jäger auch bei uns die packendsten >>Hochlands-Szenen<<, würdig des Pinsels eines Sir Landseer oder Ansdell, jener beiden englischen Meister, die in der bildlichen Verherrlichung des Deerhounds ihren Ruhm gesucht und auch gefunden haben.
Die, meiner Arbeit hier beigegebenen Bilder sind Reproduktionen einiger Werke dieser beiden berühmten Künstler. – Sie brauchen nicht kommentirt zu werden, sie sprechen für sich selbst.
Leider kann ich Ihnen mit Ausnahme der Anfangsvignette, die meine beiden Hündinen
H. Schuloch und H. Queen Bess darstellt, diesmal gar keine Bilder von Hunden meiner eigenen Zucht übersenden, da sich meinen sämmtlichen Clichés in Moskau befinden und ich sie nach ihrem Eintreffen bereits einem anderen kynologischen Fachblatte Deutschlands versprochen habe.
Ich hoffe aber, dass es mir möglich sein wird, in kurzer Zeit ein nach der Natur aufgenommenes Momentbild Ihnen schicken zu können, dessen Unterschrift lauten soll:
>>Deerhounds, einen Alpenhirsch bail haltend.<<
Und dabei sollen keine schottischen Jäger stehen mit Plaid und Kilt, sondern Steierer in >>Gamsledernen<< und >>Wad’lstutzen<<!
Zum Schlusse möchte ich hier noch bemerken, dass ich keineswegs der Erste bin, der in Oesterreich den Deerhound jagdlich verwendet hat.
Bereits am Ende der Siebenziger Jahre brachte der regierende Fürst zu Liechtenstein einige Hunde dieser Race aus England nach Oesterreich und übergab sie Herrn Oberförster Mois Schön in Rabensburg – Niederösterreich, zur Führung.
Zufolge einer diesbezüglichen Notiz des Herrn von Kadich im >>Oesterr. Hundesport<< setzte ich mich mit Herrn Oberförster Schön in anfänglich schriftliche, dann persönliche Verbindung und verdanke der grossen Liebenswürdigkeit dieses Herrn, eines Zöglings der berühmten alten hannover’schen Jägerschule, viele ungemein werthvolle Daten über die jagdliche Verwendbarkeit des Deerhounds.
Herr Schön benützte die Hunde hauptsächlich zum Fangen und Niederziehen angeschweissten Hoch- und Damwildes in den an der March gelegenen Revieren der fürstlich Liechtenstein’schen Herrschaften Feldsberg und Eisgrub und äusserte sich darüber sehr befriedigend.
Als der grosse Thiergarten aufgelassen und daher ausgeschossen werden sollte, leisteten die Deerhounds ganz besonders vorzügliche Dienste.
Oft kam es vor, dass aus grossen, zur Aesung ausgetretenen Rudeln ein Hirsch herausgeschossen wurde, der aber nach dem Schusse krank noch mit dem Rudel abging.
Es soll nun eine ganz besondere Eigenschaft dieser Deerhounde gewesen sein, dass dieselben unfehlbar und ohne sich nur einmal zu irren, das angeschweisste Stück auch aus Rudeln von 60-80 gesunden herausfingen und niederzogen.
Mutterthiere und Kälber packten sie zumeist beim Graser (Zunge) und hielten sie solange fest, bis diese abgefangen werden konnten.
Als es später keinen Thiergarten mehr gab, wurden auch keine Hirschhunde mehr nachgeschafft und so starb die Race hier wieder aus.
Ein Augenzeuge erzählte mir ferner auch von einer Parforcejagd (Hetzjagd zu Pferde hinter der Meute), die in Oesterreich hinter Hirschhunden etwa vor zehn Jahren geritten worden ist.
Auf Einladung eines österreichischen Aristokraten, dessen Name mir entfallen ist, hatte ein Mitglied des englischen Hochadels seine zwei Deerhounds nach Oesterreich kommen lassen, um sie hier in ihren jagdlichen Eigenschaften zu zeigen.
Sie wurden nach Holics gebracht, wo die kaiserlichen Meuten stehen, hinter denen alljährlich die berühmten Hirschjagden von Mitgliedern des Hofes, der Aristokratie und dem k. u. k. Militär-Reitlehrer-Institute geritten werden.
Diesmal sollten aber nur die beiden Deerhounds verwendet werden, die kaiserliche Meute blieb in den Kennels.
Als das zahlreiche Feld sich auf dem Hügel versammelt hatte, wo gewöhnlich die Jagd beginnt, ward auch der aus Gödöllö stammende Zehnerhirsch aus dem Kasten, in dem er gekommen war, befreit und ging sofort in voller Flucht ab.
