Die Angst vor dem sportlichen Hund.

Die Zuchtvereine von Windhunden haben sehr oft noch ein “R” im Namen, welches für “Rennen” steht. Das zeigt, dass Zucht zumindest gedanklich eine Zeit lang mit Windhundesport untrennbar verbunden war. Nun entstand in Österreich ein eigener Windhunderennverband, der entschieden versucht, sich vom Zuchtverein zu distanzieren und den Windhundesport als obersten und einzigen Vereinsinhalt zu etablieren. Die Rennvereine fühlten sich im Zuchtverein nicht mehr richtig platziert. Im Gegenzug hat sich in Deutschland gerade ein Irish Wolfhound Verein soweit etabliert, dass er im VDH aufgenommen wurde. Er kommt – zumindest soweit ich das beurteilen kann – aus der “Showfraktion”. Gleichzeitig bedauern die Irish Wolfhound Leute innerhalb des DWZRV, dass sie ja quasi unbeteiligt am Rand stehen, wenn “die Rennleute” Regeln erstellen. Der Irish Wolfhound sei ja quasi die Ausnahmeerscheinung unter den Windhunden und zum Sport gar nicht geeignet.

Gestreckter Galopp kurz nach dem Start

Gestreckter Galopp kurz nach dem Start

Abgesehen davon, dass dies die sprichwörtliche Watsch´n ins Gesicht jener ZüchterInnen und HalterInnen ist, die mit ihren Irish Wolfhounds erfolgreich arbeiten, ist es ein Ignorieren der Wurzeln des Irish Wolfhounds, der ganz bewusst in der FCI Gruppe X, der Gruppe der Windhunde platziert ist.

Trennung in Show- und Renntyp?

Beim Greyhound ist die Trennung in zwei Rassen quasi vollzogen. Der typische Renngrey hat mit dem typischen Showgrey nichts mehr gemein. Jene ZüchterInnen, die einen S&L-Hund platzieren wollen, können wohl masochistisch genannt werden: Bei den Showleuten werden ihre Hunde als Renner bezeichnet und stehen bei den meisten RichterInnen hinten. Bei den Rennleuten werden ihre Hunde als Showies bezeichnet und bei den Rennveranstaltungen sind sie nicht unbedingt die sicheren Sieger. Wird beim Racer eher selten Wert auf das Gebiss gelegt (auch ein zahnloser Hund kann schnell laufen …), so gibt es bei den Showies div. Krankheiten, die man nur hinter vorgehaltener Hand erzählt bekommt. Eine schwache Hinterhand, so erzählte eine windhunderfahrene Tierärztin im Rahmen eines Züchterseminars, sei sehr oft auf ein schwaches Herz zurückzuführen. Man könne, so erzählte sie weiter, beobachten, dass diese Hunde ab einem gewissen Alter keine knappen Wendungen mehr schaffen würden, ohne umzufallen.

Ein Feld Rennafghanen

Ein Feld Rennafghanen

Beim Afghanen braucht man sich nur den optischen Unterschied zwischen den im Ring hoch prämierten Tieren und jenen, die bei Rennen am Podest stehen, ansehen. Auch diese Hunde könnte man getrost für Vertreter verschiedener Rassen ansehen. Und der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass ein seidiges Fell bis zum Boden nicht sehr praktisch sein kann, wenn man schnell laufen will.

Showafghane läuft, mit Schal

Showafghane läuft, mit Schal

Ähnliche Tendenzen gibt es beim Barsoi (das Fell der Hunde, die bei uns im Ring vorne stehen, ist nicht unbedingt das, was man im Ursprungsland als typisch bezeichnen würde …), beim Saluki (Je Show, desto länger die Befederung), beim Whippet (Je Show, desto grösser), beim Galgo Espanol (Grösse, Rutenlänge), beim Deerhound (Grösse) und beim Irish Wolfhound, wobei bei letzterem die Sporthunde ein wenig beachtetes Dasein fristen.

Links ein erfolgreicher Coursinghund, rechts ein mehrfacher Ausstellungschampion

Links ein erfolgreicher Coursinghund, rechts ein mehrfacher Ausstellungschampion

Allen Showtypen gemeinsam ist, dass ihre Körperform ins Extreme geht. Klassiker ist der Hinterhandwinkel, der teilweise schon zu grotesken Formen führt, wo die Hinterhand quasi hinter dem Hund steht, als hätte sie nichts mehr mit dem Rest des Körpers zu tun. Bezeichnend auch, dass so mancher Handler den Hund im Ring “von hinten nach vorne aufbaut”, also das Hauptaugenmerk auf die Betonung der Hinterhandwinkelung legt, den Kopf des Hundes dann noch unnatürlich hoch reisst und so nur mehr die Karikatur eines Windhundes präsentiert. Leider scheinen sehr viele RichterInnen Karikaturen zu mögen …

Spezialfall Irish Wolfhound?

Beim Irish Wolfhound ist die Angst vor der Trennung in Showtyp und Renntyp zur Zeit allgegenwärtig. Und zwar sowohl bei Showleuten als auch bei Sportleuten. Für mich ist diese Angst schwer zu begreifen, da ich im Ring fast nur Showhunde präsentiert sehe und die Sporthunde ohnehin in der Minderheit sind. Sportleute wählen immer noch selten einen Irish Wolfhound, gibt es doch eine ganze Reihe von Windhunden, die als geeigneter für den Sport gesehen und verkauft werden. Wer sportliche Konkurrenz wünscht, muss beim Irish oft noch suchen. Die Gebrauchshundeklasse ist beim Irish defakto verwaist, all jene, die sich um den Sport bemühen, meiden die Ausstellungsringe, da sie ohnehin meist chancenlos sind oder zu wenig Ehrgeiz für die Ringdressur mitbringen. Wer Sporthunde züchten will, absolviert das absolut notwendige Minimum an Ausstellungen und widmet sich anschliessend wieder dem Sport.

Zwei Deerhoundhündinnen in der selben Klasse

Zwei Deerhoundhündinnen in der selben Klasse


Showleute bezeichnen sportliche Irish Wolfhounds oft abfällig als “Deerhounds” und halten die Gebrauchshundeklasse für die “Lucky-Looser-Regelung” unter den Ausstellern. Es wäre durchaus lohnend, einmal zu definieren, was denn ein “Deerhound” sei, da so mancher Deerhoundzüchter das, was beim Deerhound im Ring steht, abfällig als Irish Wolfhound bezeichnet … Wie lange ist es her, dass Cpt. Graham mit Hilfe des Deerhounds den Irish rekonstruierte?

Ebenfalls bei Showleuten zu beobachten ist die grenzenlose Angst vor der Bewegung des Irish Wolfhounds. Teilweise wird es durch Fachliteratur unterstützt, dass man den jungen Irish um Himmels Willen nicht zu sehr bewegen soll. 10 Minuten Bewegung am Tag sei mehr als genug! Dahinter steht eine Reihe von ZüchterInnen, die dieses Mantra weiter verbreiten und vor schrecklichen Verletzungen als Folge zu starker Bewegung warnen. Das Ergebnis sind zu oft moppelige Welpen und Junghunde, für die zu viel Bewegung tatsächlich zum Risiko wird. Zum einen, weil sie zu schwer für die jungen Gelenke und Knochen sind, zum anderen, weil sie keine Chance bekommen, ausreichendes Körpergefühl für ihren so rasch wachsenden Körper zu bekommen. Sind diese Hunde dann ein Jahr alt, dürfen sie sich plötzlich bewegen. Ihre bisherige Konditionierung macht sie dann zu gemütlichen Teddybären, die sich entsprechend (nicht mehr) bewegen.

“Hässliche Rücken” bekämen Irish Wolfhounds, die sich “zu viel bewegen” und zu dürr seien sie ausserdem. Eben – Deerhounds.

Bricht ein Showhund – warum auch immer – aus dieser Routine aus und entwickelt Jagdtrieb, ist das Ende der Toleranz erreicht. Diese Hunde werden – weil “nicht handlebar” – retour- oder weiter gereicht. Ein Windhund, der jagen will, erscheint diesen Menschen nicht nur als absurd und fehlerhaft, nein, dieser Umstand wird auch noch schamhaft verschwiegen. So, als sei das ein Zuchtfehler, dass sich der Hund verhält wie – ja, wie eigentlich? – wie ein gesunder Windhund.

Showoptik alter Hund?

Man wünscht sich beim Show-Irish einen “geraden Rücken”, eine “gute Hinterhandwinkelung” und einen “kraftvollen Trab”. Wer einen Hund hat, der sich bewegen kann, will und darf, wird feststellen, dass die Lendenmuskeln ganz wichtig für einen kraftvollen Galopp sind. Der Rücken eines jungen, aktiven Hundes kann also gar nicht “gerade, wie mit dem Lineal gezogen” sein. Ich erlebe an meiner inzwischen 7,5jährigen Irish Wolfhound Hündin, dass sie jetzt langsam einen “geraden Rücken” bekommt. Warum? Weil sie einfach nicht mehr so stark bemuskelt ist, wie noch vor zwei Jahren. Weil sie nicht mehr so lange und ausdauernd galoppiert, sondern lange strecken gemächlich trabt. Auch die Hinterhandwinkelung ist inzwischen durchaus sichtbar. Ein Hund, der in seinen “besten Zeiten” hinten immer sehr steil gestanden ist.

Enya, die IW-Hündin der Autorin mit 7,5 Jahren

Enya, die IW-Hündin der Autorin mit 7,5 Jahren

Jetzt, mit 7,5 Jahren nähert sich das Aussehen meiner Hündin langsam dem, was man sehr oft im Showring sieht. Sogar die Unterlinie ist nicht mehr ganz jugendlich, der “Tuck up” nicht mehr so ausgeprägt. Ich frage mich nun ernsthaft, ob RichterInnen den Massstab eines Veteranenklasse-Hundes auf alle Klassen anlegen und deshalb Showmenschen so grosse Angst davor haben, dass ihr Hund sich sportlich betätigt. So haben wir fettgefütterte Irish mit geradem Rücken, ausgeprägter Hinterhandwinkelung und kraftvollem Trab auch schon in der Jugendklasse … Und die Seniorenklassen sind spärlich belegt. Denn für einen Hund, der sich nicht bewegen darf und in jungen Jahren schon den Körper eines Seniors hat, ist es nicht leicht, fit und gesund alt zu werden.

Trennung unerwünscht?

Man möchte keine Trennung zwischen Showtyp und Renntyp beim Irish Wolfhound – da sind sich erstaunlich viele Menschen einig. Doch was die richtige Richtung ist, darüber ist man sich nicht einig. Für Showmenschen ist es der überwinkelte, schwere, im Molossertyp stehende Irish, der “gross und imposant” ist, für die Sportmenschen ist es der bewegliche, leichte Windhund, der Jagen kann und will. Ich sehe zur Zeit keine Annäherung der beiden Lager, ich sehe Unverständnis auf beiden Seiten und wenig Kompromissbereitschaft.

Allerdings halte ich einen Hund, der für den Showring optimiert und gezüchtet wird, für eine Fehlentwicklung. Inzwischen erkennt sogar der grosse Futtermittelhersteller Pedigree diesen Irrweg und zieht sich von der Show der Shows, der Cruft´s zurück. Möglicherweise ist dies ein Wendepunkt in der Hundezucht? Zurück zum Hund mit Funktion und einer Beweglichkeit, die mehr als ein paar Runden im Showring ermöglicht? Gesund wäre es für die Hunde. Und mindestens genauso gesund wäre es für die BesitzerInnen, wenn sie sich mit ihren Hunden ausserhalb geschlossener Hallen in freier Natur bewegen. Und so manches züchterische Extrem würde sich ganz rasch ad absurdum führen, weil es einfach nicht alltagstauglich ist.

Margot Dimi

Ein Kommentar zu “Die Angst vor dem sportlichen Hund.”

  1. Xena 26 November 2008 at 18:39 #

    Margot, du sprichst mir aus der Seele. Der Irish Wolfhound ist nunmal ein Windhund und wurde ursprünglich dazu gezüchtet, zu jagen. Heute haben allerdings nur noch die wenigsten Wölfe etwas damit zu tun, denn die Zucht geht eher dahin, einen massigen, grossen, ruhigen Hund zu schaffen, dem die Sportlichkeit abhanden gekommen ist. Wie du geschrieben hast, haben die Wolfshundbesitzer im DWZRV wenig mitzureden, wenn es um sportliche Belange geht. Aber das sind sie ja selber Schuld. Die Zucht bringt nunmal eher einen Begleithund zu Tage. Allerdings wird das ganze auch hier durch die Nachfrage geregelt. Die Menschen lernen den Irish Wolfhound nunmal als ausgeglichenen, ruhigen Hund kennen, auch die “Rennwölfe” zeigen sich z.B. auf Ausstellungen so. Und so einen Hund wollen sie haben. Sollte dann der Welpe oder Junghund seine Jagdleidenschaft entdecken und ausleben, dann ist das eine Eigenart, die kaum jemand haben will. Aber die zukünftigen Wolfshundbesitzer sollten sich einfach im Klaren sein, dass sie mit dem Irish Wolfhound einen Sichtjäger bekommen, der flüchtenden Tieren in der Regel hinterher hetzt. Leider wissen das die Wenigsten, oder sie wollen es nicht wahrhaben. Es ist schon oft vorgekommen, dass wir auf Windhundausstellungen gefragt wurden, was wir denn hier wollen, es sei doch eine Windhundausstellung. Ja, genau deshalb sind wir dort, weil der Irish Wolfhound ein Windhund, ein Sichtjäger ist. Viele wissen es nicht, denn den meisten IWs sieht man es leider wirklich nicht mahr an.

    Ralf Finger


Hinterlasse einen Kommentar

Du musst eingeloggt sein um kommentieren zu können.